Wenn vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren Fotos von Autos in der Presse erschienen, die es eigentlich noch gar nicht gab, löste das damals eine heute kaum mehr nachvollziehbare Aufregung nach sich. Unscharf, grob verpixelt, schwarz/weiß sowieso und nicht selten aufgenommen von Amateuren, zeigten diese Fotos die Umrisse der neuesten Produkte der Autoindustrie, die sich im Moment der Aufnahme meist auf Testfahrt befanden – Prototypen, die auf ihre Serientauglichkeit geprüft wurden.
Die Autoindustrie fand solche Aufnahmen nicht spaßig. Sie sah darin eine Provokation, witterte Geheimnisverrat, fürchtete Industriespionage und Störungen im Marketingplan. Sie liebte keine gelüfteten Schleier, die Hersteller wollten ihre Modelle exklusiv auf den großen Messen der Öffentlichkeit präsentieren: in Frankfurt auf der IAA, in Genf auf dem Automobilsalon, in Detroit auf der Motorshow. Die Presselandschaft, besonders die Fachpresse, stand vor einem Dilemma. Einerseits wollte man es sich nicht mit den Herstellern verderben, andererseits war ein Informationsvorsprung in Form eines unscharfen Bildes ein gefundenes Fressen für ihre Leserschaft! Nachrichten verbreiteten sich damals eben noch nicht in Tweet-Tempo!

Zwei Motorjournalisten stießen, wie sie glaubten, auf eine Lösung. Heinz-Ulrich Wieselmann und Werner Oswald von der „auto, motor und sport“ dichteten Anfang der fünfziger Jahre Goethes Gedicht vom „Erlkönig“ um als Begleittext zu einem Foto einer noch geheimen Mercedes-Limousine – und schon hatte der Titel des Goethe-Gedichts eine neue Aufgabe: Von da an fiel jedes Mal das Wort „Erlkönig“, wenn ein Foto eines noch nicht serienreifen Automobils auftauchte.
Noch immer wird der Begriff verwendet – was aber verschwunden ist, ist der Beiklang des Geheimnisvollen und Exklusiven.

Teilen →